Podcast “Führung durch Integrität” 005 Leadership und Integrität – Regina Mehler im Interview

Leadership, Integrität und Unternehmenswerte – wie passt das zusammen?

Regina MehlerWelche Werte vertreten Führungskräfte und wie können sie produktiv mit Unterschieden zwischen ihren eigenen Werten und denen des Unternehmens umgehen? Wie sieht die künftige Entwicklung innerhalb der Unternehmen aus – etabliert sich Integrität dauerhaft in Unternehmenswerten und Leadership?

Darüber habe ich mit der Expertin für Innovational Leadership und Personal Branding, Regina Mehler, gesprochen. Regina Mehler ist Gründerin und Geschäftsführerin von 1st Row und der Women Speaker Foundation. Sie hat mehr als 20 Jahre Erfahrung als Führungskraft, ist Buchautorin und u.a. Fachreferentin an der Universität St. Gallen.

In der vorherigen Folge des Podcasts “Führung durch Integrität” und dem dazugehörigen Beitrag ging es bereits um die besondere Beziehung von Führungskräften und Compliance. Heute gibt uns Regina Mehler einen Einblick in Beispiele und einen Deep-Dive in das Thema Führungskräfte, Integrität und Leadership-Kultur.

Regina Mehler berät Führungskräfte bei der Entwicklung von Leadership und ihrer Positionierung, damit diese den nächsten Karriereschritt gehen können und verhilft ihnen zu mehr Sichtbarkeit. Regina Mehler hat also durch ihre Arbeit einen sehr guten Einblick in die Wertewelt von Unternehmen und Führungskräften.

Wie definierst du Leadership und gibt es Werte, die Leadership ausmachen?

 

„Ich glaube, dass die eigenen Werte nicht unbedingt deckungsgleich mit Corporate-Werten sein müssen, aber sie sollten sich mindestens ergänzen und nicht stören. Als Leader:in ist das Allerwichtigste, dass ich mir meiner Werte bewusst bin und dass ich sie benennen und kommunizieren kann. Umso klarer ich definiere, wer ich bin und für was ich stehe, desto einfacher ist es, mit mir umzugehen. Das macht nicht nur die Arbeit leichter, sondern auch inspirativer und lockerer. Somit kann man die Kräfte auf das wirklich Wichtige lenken.“

Wie können Führungskräfte damit umgehen, wenn persönliche Werte nicht zu den Unternehmenswerten passen?

„Man kann Werte vertreten, die für einen persönlich nicht so wichtig sind aber die vielleicht für eine große Organisation tragfähig sein müssen. Dann kann man diese immer noch verteidigen. Bin ich etwa ein mutiger und risikofreudiger Mensch, ist das vielleicht für eine Firma, in der Haltung an sich, eher schwierig, je nachdem in welcher Branche und Rolle ich bin, kann aber, für mich persönlich, einfach die Inspiration schlechthin sein, in den Arbeitsalltag reinzugehen. Aber es braucht ein gewisses Maß an Verständnis, Offenheit und eine Toleranz auf dem ganzen Spektrum der Leadership-Thematik.“

 

Zukunftsprognosen: Werte bleiben wichtig

 

Wie sieht die künftige Entwicklung innerhalb der Unternehmen aus? Sehen wir weiterhin eine größere Wertediskussion?

„Besonders durch die Krisensituation, die wir derzeit erleben, bewegt sich gerade irre viel, wie ich finde, zum Guten. Es geht wieder mehr darum, wer bringt was mit ein und welche Person brauchen wir tatsächlich, um voran zu kommen und weniger um den perfekten Lebenslauf. Das ist wichtiger als die fachliche Thematik. Solange jemand Leadership-Skills mitbringt und Werte und Kultur lebt, behaupte ich Stein und Bein, das Fachliche bringe ich dieser Person allemal bei aber Kultur, Energie und Leidenschaft, die kann ich schwer trainieren. Genau diese Leute werden derzeit von meinen Kund:innen verstärkt gesucht.“

 

Das Thema Integrität ist gerade jetzt sehr aktuell. Wird die “ethische DNA” immer wichtiger für Unternehmen?

 

Frühste Finanz- und Korruptionsskandale zeigen uns, dass es bestimmte innerste Haltungen zu Integrität und Ethik gibt, die man nicht in einem Führungskräfte-Training vermitteln kann. Diese sind schon in der Sozialisierung, in der Entwicklung und der DNA, verankert.

„Ich glaube, dass die Gesellschaft so etwas nicht mehr akzeptiert. Unternehmen werden wieder mehr zu Vorbildern für die Belegschaft und der Fokus liegt mehr darauf, welche Haltung eine Firma bezieht. Die falsche Haltung kann einen immensen Schaden anrichten. Es braucht Jahre um einen Image-Schaden wieder halbwegs zu korrigieren. Dessen muss man sich bewusst sein. Der Markenschaden für ein Unternehmen, vielleicht sogar für eine ganze Branche, ist nicht auszuradieren.“

Ist Integrität ein neuer Frühlingstrend oder etwas, das bleibt?

Der Edelman Trust Barometer bestätigte Anfang des Jahres, dass die Vorbildfunktion von Unternehmen deutlich höher ist, als teils von nationalen Regierungen. Das ist extrem spannend. Unternehmen müssen sich überlegen, wie ernst sie es mit ihrer Reputation meinen. Sie investieren in Ethikprogramme und beanspruchen Integrität und Diversität für sich. Es gibt aktuell auch den Trend, sich den Purpose von außen durch eine Beratung oder Agentur erarbeiten zu lassen. Ist nun Integrität ein neuer Frühlingstrend oder etwas, das bleibt?

„Ich glaube, je länger diese Krise noch andauert, desto eher wird sich der momentane Trend festigen. Es gibt Menschen, die würden am liebsten alles zurückdrehen. Ich sehe aber so wahnsinnig viele Vorteile, die wir neu gewonnen und maximal vorangebracht haben. Deshalb hoffe ich, dass wir dabei bleiben. Ansonsten ist es ein netter Frühlingswind, der unglaublich guttut. Wenn es wieder spannend wird und darum geht, die Effizienzzahlen und die KPI’s hochzutreiben, werden wir sehen, ob und wie schnell wir vergessen, was wir gelernt haben. Das wäre zu schade.“

Es wird künftig auf die Führungskräfte ankommen und inwieweit sie dann auf- und für ihre Werte einstehen.

Sollen Leader durchaus auch mal in den Widerstand gehen oder ist es doch besser, die persönlichen Werte zu Hause zu lassen und sich mit den Unternehmenswerten zu arrangieren?

„Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass eine Führungskraft eine gut durchdachte Position beziehen und sie auch verteidigen sollte. Dieser Diskurs ist unglaublich wichtig, damit wir Dinge vorantreiben, verändern und Abläufe auch einfach mal hinterfragen können. Wenn ich allerdings dauerhaft kein Gehör finde, muss ich mittelfristig überlegen, ob ich mich dort wohl fühle. Ich suche mir dann künftig ein Unternehmen, das mehr davon verkörpert, was ich im vorherigen Arbeitsmodus vermisst habe. Man muss sehr konsequent mit sich sein und sollte sich nicht verbiegen. Wenn sich nichts ändert und es zu konträr zu dem ist, was ich mir vorstelle, dann muss man nicht lange leiden. Wenn ich wirklich Leader:in mit Passion bin, will ich Dinge vorantreiben. Wenn ich immer nur Gegenwind bekomme, dann wird es, wie beim Segeln, sehr energieraubend und diese Energie kann ich anders besser einsetzen.“